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Es ist gar nicht so einfach zu sagen, wann es denn eigentlich war, das Mittelalter, schließlich leben wir, gerade in Europa, auf vielfältige Weise noch mitten darin. So stammt die Architektur wie auch die Anlage vieler unserer Städte noch direkt aus dem Mittelalter, auch wenn wir das vielleicht nur selten bewusst bemerken.

Außerdem ist das Mittelalter nach wie vor von verblüffender Faszination in der modernen Populärkultur: Die Bücher und Filme mit Mittelalterbezug sind kaum noch zu zählen, in vielen Computerspielen der verschiedensten Genres bewegt man sich in einer mittelalterlichen Welt, und wem das alles zu fiktional und zu virtuell ist, der kann sich in einer der vielen Mittelalter-Reenactmentgruppen tummeln und von Mittelaltermarkt zu Mittelalterfest ziehend gleichsam live dabei sein.

Das Mittelalter ist also von umwerfender Aktualität und zugleich doch unheimlich fremd. Das zumindest ist die erste Erfahrung, die wohl jeder macht, der sich zum ersten Mal mit mittelalterlicher Literatur direkt befasst. Denn in den Geschichten, Erzählungen und Reiseberichten, die das Mittelalter hervorgebracht hat, gehen seltsame Dinge vor, die so gar nicht zu unserem gegenwärtigen Mittelalterbild passen wollen: Ritter ohne Psyche, seltsame Rituale im Kampf wie im friedlichen Umgang miteinander, inzestuöse Adlige, die mit Gottes Segen Papst werden, Erdrandbewohner mit sehr eigenartigen Körpern, wilde Amazonen, um die Mann besser einen weiten Bogen macht usw. usf.

Das Mittelalter ist nah und fern zugleich, ist als historisch vergangene Gesellschaftsform Vorstufe des modernen Europa und zugleich eine so andere Kultur mit so eigenen Regeln, dass bei näherer Beschäftigung damit alle unsere scheinbar so sicheren Weltbilder unsicher und fremd werden. Diese Dialektik von Fremdem und Eigenem ist der eigentliche Gegenstand der Mediävistik, derjenigen Fächer also, die sich wissenschaftlich mit dem Mittelalter beschäftigen.

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